Die Bruecke

Der Anti-Kriegsroman Die Brücke - eine Begegnung mit Manfred Gregor (Dorfmeister)

„Krieg ist immer ein Unglück für alle Beteiligten und löst niemals Probleme“

Ein Gespräch mit Manfred Gregor Dorfmeister, „Die Brücke“
In einer vom Effeltricher Linden-Kino mitveranstalteten Filmreihe, die vor über einem Jahr in den Lamm-Lichtspielen Erlangen zur Zeit des Irak-Krieges lief, wurde auch der Film „Die Brücke“ erneut aufgeführt. Nun folgte ein Gespräch mit dem Autor der Romanvorlage, denn das „Effeltricher Linden-Kino“ sieht eines seiner Hauptanliegen in der Förderung des Verständnisses von Film- und Zeitgeschichte.

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Manfred Gregor Dorfmeister, Jahrgang 1929, studierter Journalist, war lange Jahre als Lokalchef in verschiedenen Heimatausgaben des Münchner Merkur tätig; zuletzt fast 30 Jahre in seiner Heimatstadt Bad Tölz, in der er zudem 16 Jahre lang den Kreisverband der „Lebenshilfe für Menschen mit Behinderungen“ leitete.
Bad Tölz, im Juni 2004.
Vor einiger Zeit feierte Manfred Gregor-Dorfmeister in Bad Tölz seinen 75. Geburtstag. Mit seinem Roman „Die Brücke“ sowie seiner Mitarbeit am Drehbuch für den gleichnamigen, von Bernhard Wicki 1959 meisterhaft gestalteten Film, wurde ein historisches Dokument geschaffen, das aktueller nicht sein kann. Was das ideologisch und militärisch bestimmte Training im „Jungvolk“ und in der „Hitlerjugend“an geistigem Mißbrauch für eine ganze junge Generation bedeutete, wird heutzutage – nicht nur mit ideologischem, sondern auch wirtschaftlichen Hintergrund - wirkungsvoll durch bestimmte Computerspiele, in denen es um das „Abschießen“ imaginärer Feinde geht, erfüllt; dessen ist sich Gregor sicher. Das damals gültige Credo „Ein deutscher Junge weint nicht“ ist in seiner Bedeutung eine Verhärtung nicht nur sich selbst, sondern auch anderen gegenüber herzustellen, kaum zu ermessen. Ein anderer Pfeiler solcher Erziehung zur Härte war das ängstliche Vermeiden von Verhaltensformen, die auch nur annähernd als feige hätten gewertet werden können. Verpönt war schließlich nicht minder das Zeigen von Mitgefühl, schon gar nicht mit dem Feind. Als feige galt die Ablehnung des Krieges, das Nicht-mehr-mitmachen-Wollen bei Terror und Vertreibung, das Nicht-mehr-schießen-Wollen. Heute würde man sagen, „uncooles Verhalten“. Immerhin sind es rund eine halbe Million Jugendliche aber auch Ältere (teilweise in sogenannten Clans organisiert), die mehr oder weniger regelmäßig den „Tötungstrainer Counterstrike“ spielen.
Gewalttraining und Waffengebrauch senken die Hemmschwelle, ja sie können die Faszination von Waffen verstärken bis zum Drang, sie auch einzusetzen. Manfred Gregor erinnert sich, daß auch er als Kind gerne mit Soldatenfiguren spielte und daß das Spielwarenangebot der Dreißiger Jahre von Panzern, Kanonen und Militärfahrzeugen beherrscht war. Kaum ein Bubenzimmer, in dem es keine Spielzeugsoldaten, -panzer, und –kanonen gegeben hätte. Heute stellt - erfreulicherweise – kaum eine deutsche Firma Kriegsspielzeug her!
Trotz aller Propagandabemühungen der Nationalsozialisten waren Kinder und Jugendlichen vielfach in ein familiäres Umfeld eingebunden, das Gegenmodelle zum damaligen Zeitgeist lieferte und Skepsis gegenüber der faschistischen Ideologie weckte. Vor allem in konfessionell geprägten Elternhäusern war dies der Fall, so daß jugendliche Heldengläubigkeit in Blitzkriege und den Endsieg zumindest abgeschächt wurde.
Tod und Verderben bringendes barbarisches Heldentum kann freilich auch heute wieder mit Figuren der sogenannten „Fantasywelt“ wie He-Man, Monster und so weiter im Verbund mit entsprechenden Filmen spielerisch eingeübt werden, konstatiert Manfred Gregor. Ihn erstaunt immer wieder die Gleichgültigkeit vieler Eltern dem Gewaltkonsum ihrer Kinder gegenüber.
Eine Szene, die Manfred Gregor nie mehr vergessen konnte, war der Ausgangspunkt für sein Buch „Die Brücke“, dessen letzte Fassung er damals in nur 14 Nächten neben seinem Beruf als Lokal-Redakteur schrieb. Der tatsächliche Handlungsablauf, mehrere Tage mit Gefechten an zwei Brücken, die Flucht durch Wälder und über Felder, unter fast dauerndem Beschuß durch amerikanische Jagdflugzeuge und dem sinnlosen Sterben seiner Kameraden, aber auch amerikanischer Soldaten wurde in Form eines Romans auf die Geschehnisse um die Verteidigung einer Brücke verdichtet.
Am Ende des tatsächlichen Geschehens waren noch drei Buben am Leben, die – als sie auf ihrer Flucht die Tölzer Isarbrücke erreichten - von Feldgendarmen aufgehalten und in einen Kellerschacht nahe der Brückenauffahrt eingewiesen wurden, von wo aus sie die Brücke gegen die anrückenden Amerikaner verteidigen sollten. Als die Feldgendarmen verschwunden  waren, sah auch Gregor die Chance gekommen, das Kriegsabenteuer zu beenden. „Der Krieg ist verloren, ich gehe nach Hause, kommt mit!“, drängt er die beiden anderen. Doch die wollen „nicht feige sein“. Sie bleiben an der Brücke. Noch heute fragt er sich, was er hätte tun können, um auch sie zum aufgeben zu bewegen.
Während der Nachtstunden besetzen die US-Truppen nach einigen kleineren Scharmützeln die Stadt. Wann genau und wie die Brücke von den Amerikanern eingenommen wird, ist nicht bekannt. Als Gregor am nächsten Morgen durch die Tölzer Marktstraße zur Isar hinunterwandert, um zu sehen, welche Schäden der nächtliche Artilleriebeschuß angerichtet hat, sieht er die beiden Kameraden tot an der Brückenrampe liegen. Ein amerikanischer Soldat hat unweit der beiden Leichen die Brückenwache übernommen. Da kommt aus der Marktstraße eine ältere Frau zur Brücke, sieht die beiden toten Jungen liegen und spuckt im Vorbeigehen auf sie. Manfred Gregor beobachtet den Vorgang wie gelähmt, kann bis heute, 60 Jahre später, nicht verstehen, was die Frau zu dieser handlung veranlaßt hatte. „Die Szene hat sich mir förmlich eingebrannt“, sagt er. „Was hatte man denn von uns erwartet? Wir hatten doch nur so funktioniert, wie man es uns in jahrelangem Drill ‚eingetrichtert’ hatte!“
Auch wenn bei manchem der jungen Kämpfer inmitten des erlebten Infernos die Erkenntnis kurz der Gedanke aufgeflackert sein mag, daß in dem von ihm gerade beschossenen US-Panzer auch Menschen sitzen, so dominierten doch andere Gefühle. Erregung und Angst vor dem, was da mit den Panzern auf ihn zurollte und - nach dem Tod des ersten Kameraden - der Mut der Verzweiflung, der Wunsch nach Vergeltung. Als mehrere der zugleich abgefeuerten Panzerfäuste den vordersten US-Panzer treffen und blockieren, kommt sogar ein Gefühl der Überlegenheit auf. „Denen zeigen wir’s jetzt!“ Läßt sich daraus ein Bezug zur wachsenden Gewaltbereitschaft Jugendlicher in unseren Tagen erkennen, zu deren Leichtsinn im Straßenverkehr und zu immer riskanteren Sportarten?
Damals wie heute trifft man bei Heranwachsenden auf ein anerzogenes Gefühl vermeintlicher Überlegenheit gegenüber den von negativen Erfahrungen getragenen Einstellungen und Verhaltensweisen der älteren Generation, deren Ablehnung von Kampf und Krieg damals als „feige“ abgetan wurde. In der Romanvorlage wie auch im Film wird deutlich, daß die alten Männer wissen was Krieg wirklich bedeutet und ihre Stadt und die darin Verbliebenen vor den unausweichlichen Folgen einer Verteidigung retten wollen. Es ist eine erschütternde Szene, wie ein älterer Mann die zur Verteidigung der Brücke bereiten Jugendlichen fast flehentlich auffordert, nach Hause zu gehen. Die Buben verhöhnen ihn als Feigling  und Hasenfuß, jagen ihn von der Brücke und sind noch stolz darauf.
Wer den Hintergrund der Filmhandlung verstehen will, sollte auch den Roman „Die Brücke“ lesen, den es gegenwärtig leider nur mehr antiquarisch zu kaufen gibt. Widerstand gegen den Film gab es bei seiner Uraufführung im Herbst 1959 in Mannheim aus Kreisen ehemaliger Wehrmachtsangehöriger und Kriegsveteranen. Nicht, weil darin Krieg in schonungsloser Offenheit gezeigt wird, sondern weil dort ein „leibhaftiger Ritterkreuzträger“ die Flucht ergreift. Damit sahen Kritiker „die Soldatenehre verletzt“.
Manfred Gregor erinnert sich, daß im letzten Kriegsjahr in seiner Klasse schon Ansätze zu einer gewissen Opposition spürbar gewesen seien. So hörten einige seiner Kameraden und er selbst regelmäßig den englischen „Feindsender“. Tags drauf, wenn im Gymnasiums-Unterricht unter anderem auch der Frontverlauf laut OKW-Bericht (Oberkommando der Wehrmacht!) auf der Landkarte abgesteckt wurde, korrigierten die Jugendlichen den Frontverlauf aufgrund ihrer „Feind-Informationen“. Rückblickend konstatiert Gregor, daß das leichtsinning war, aber glücklicherweise ohne Konsequenzen blieb, weil auch der Lehrer bekanntermaßen kein Freund des NS-Regimes war. Selbst die durch ihr nationalsozialistisches Elternhaus geprägten Schulkameraden hielten „dicht“. Dennoch hat die unablässige ideologische „Berieselung“, die machtvolle Propagandaarbeit des eigens dafür geschaffenen Ministeriums bei vielen Jugendlichen ihre Wirkung nicht verfehlt, auch wenn der Durchschnittsbürger – zumal wenn er konfessionell geprägt war - eine gewisse Distanz zum NS-Regime wahrte. Der damals in allen Bevölkerungsschichten geradezu selbstverständlich gepflegte Patriotismus veranlaßte freilich auch die, die vom Nationalsozialismus nichts wissen wollten, zur „vaterländischen Pflichterfüllung“, ganz im Sinne der „ Nazis“.
Verdeutlichen muß man in diesem Zusammenhang der heutigen Jugend, daß die gesamten Propagandamöglichkeiten des Landes, von der „gleichgeschalteten“ Presse bis hin zur Kino-Wochenschau tatsächlich in den Händen des Propaganda-Ministeriums lagen. „Feindsender“, wie die BBC (British Broadcasting Corporation), die ab 1943 mit entsprechenden Sende-Reichweiten verstärkt auch nach Deutschland ausstrahlten, wagten sich nur die allerwenigsten regelmäßig abzuhören, nachdem die Justiz erste Höchststrafen gegen „Abhörer“ verhängt hatte.
Jedoch sieht Gregor auch gegenwärtig eine Situation der Desinformation durch Abstumpfung, wie sie heutigen jungen Menschen angesichts ungezählter täglich oder wöchentlich erscheinender Zeitungen oder Magazine und zahlloser über Kabel oder Satellit ins Wohnzimmer hereinholbarer Fernsehsender mit einer wahren Flut von Bildern ständig droht. Dabei sind es gerade die Gewaltdarstellungen, die nicht auf Spielfilme und Dokumentationen beschränkt sind, sondern – wie seit Beginn des Irak-Krieges - auch die täglichen Nachrichtensendungen belasten.
Die „Jugendfilmstunden“ im Nazi-Reich, etwa ab 1937 eingeführt, waren für die NS-Jugendorganisationen „Pflichtstoff“, vom mit Recht als Beispiel für „Rassenhetze“ in die Geschichtsbücher eingegangenen „Jud Süß“ bis zu „Hitlerjunge Quex“. Versteckter war „großdeutsche Ideologie“ in Filmen wie „Reitet für Deutschland“ oder in Leni Riefenstahls Olympia-Epos untergebracht, wobei die hervorragende künstlerische Machart vor allem dem Propagandazweck nützte. Als Beispiel für demagogische Durchhalteparolen darf in Bernhard Wickis Verfilmung von Gregors Roman die Durchhalte-Rede des Bataillonskommandeurs vor dem Abrücken seiner Einheit an die nahe gerückte Front gelten.
Krieg ist immer ein Unglück für alle Beteiligten und löst niemals Probleme. Im Gegenteil: Er schafft neue und verschärft die bestehenden, so das Fazit von Manfred Gregor. Krieg lebt letztlich von künstlich erzeugten Feindbildern und vom Mißbrauch der Jugend für eine angeblich gerechte Sache. Damals wie heute – zum Beispiel im Irak - können einem die unzähligen geopferten, meist jungen Leben nur unendlich leid tun. Die Verführung der Jugend zum Krieg, oft gleichbedeutend mit dem Wegwerfen des eigenen Lebens, beginnt schleichend, wie die sogenannte vormilitärische Ausbildung der damaligen Hitlerjugend beweist. Da wird erst mit Attrappen, dann mit echten Waffen „gespielt“ („Wer wirft die Stiel-Handgranate am weitesten?“). Höhepunkte sind dann das Schießen mit scharfer Munition und das Werfen der „scharf“ gemachten Handgranate mit der Explosion am Einschlagort.
Gregor befürchtet, daß – wie beschrieben – der Gewaltkonsum am Fernseher, aber auch das einsame Kampfspiel am Computer die Bereitschaft selbst Gewalt auszuüben erhöht und – siehe USA – eine gewalt- bzw. kriegsbereite Generation mehr oder weniger „herangezüchtet“ werden kann.
Bernhard Wickis meisterhafte Verfilmung von Gregors Anti-Kriegsroman gilt mit Recht als einer der wenigen wirklichen „Anti-Kriegsfilme“, zumal er auf die jede Auseinandersetzung mit der Geschichte verhindernde einseitige Schuldzuweisung bewußt verzichtet. Das Buch Gregors zeigt die psychologischen und pädagogischen Zusammenhänge mit einer Eindringlichkeit, der sich der Leser auch heute, 60 Jahre nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges, kaum entziehen kann. Dabei täte eine Auseinandersetzung mit diesem Stoff, nicht zuletzt auch angesichts einer zunehmenden Aufweichung des Lebensschutzes und der erschreckenden Aushöhlung der Menschenrechte – man denke nur an die Folterungen im Irak - bitter not.  23.07.2004