Glockenfrevel

Solidarität mit Leverkusen-Alkenrath
Die „Plünderung“ der Glocken ist schändlich

Das Presbyterium hat inzwischen “eingelenkt”: Die Glocken dürfen bis auf Weiteres hängen bleiben und auch läuten. Die Verwertung des Geländes samt geschlossenem Gemeindezentrum und ebenfalls leerstehendem Pfarrhaus mittels (renditeorientiertem?) “Investor” bleibt allerdings aktuell. Da bleibt das Presbyterium von oben “alternativlos” und unsere Stellungnahme aktuell.

Alkenrath, ein Stadtteil Leverkusens, war jahrzehntelang ein Beispiel für ein sozialverträgliches Miteinander. Die Firma Bayer schaute - im Gegensatz - zu heute nicht nach hoher Rendite, sondern übernahm vorbildlich soziale Mitverantwortung. Die Wohnbaugesellschaften halfen mit, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und zu pflegen - jetzt diktieren amerikanische Geschäftspraktiken das Geschehen. Die Wohnblöcke in der „Oberstadt“ sehen dementsprechend heruntergekommen aus, die Eigenheimsiedlung im anderen Teil hingegen nach wie vor gepflegt. Wer es sich leisten kann, zieht weg. Manche - vor allem alleinstehende - ältere Mitbürger mit kleiner Rente sind gezwungen, zu bleiben. Auch wenn in ihrem Wohnquartier wieder Ratten ihr Unwesen treiben und nach Auskunft von Anwohnern diese - vor allem die Kinder - mit freier Prostitution sowohl von Freiern als auch von den Prostituierten belästigt werden.
Wir haben über ein Jahr lang Mitbürger im Stadtteil filmerisch begleitet, die in den Interviews hoffnungsvolles aus der Zeit berichteten, als das Evangelische Gemeindezentrum noch in christlicher Verantwortung das soziale Miteinander wesentlich mit geprägt hat (noch nicht im Netz zu sehen). Dieses vorbildliche soziale Engagement einer Einrichtung, die für viele Mitbürger Anlaufstelle und/oder Lebensmittelpunkt war, gehört leider der Vergangenheit an.
Der ökonomistische Mainstream scheint auch die Evangelische Kirche weggerissen zu haben.

Unser Flugblatt beinhaltete:
Historisch gesehen bedeuteten Glocken eine elementare Hilfe beim Anzeigen von Ereignissen für die Bürger eines Ortes. Glocken dienen traditionell auch dem Ordnen städtischen Lebens. Bedeutet die Enteignung von Gemeinden durch Entfernung ihrer Glocken nicht auch ein gewisses Stummwerden der Menschen? In Alkenrath wurden damals die Glocken im evangelischen mit denen im katholischen Turm aufeinander abgestimmt. Mit dem seinerzeit selbstherrlich von Kirchen“oberen“ geschlossenen evangelischen Gemeindezentrum und der „Ausweidung“ des Gebäudes wurde nicht nur vielen Mitbürgern ein Stück Identität und auch etlichen Jugendlichen damit ein wichtiger Lernort für ein sozialverträgliches Miteinander genommen. Wurde etwa nicht versprochen, das angrenzende Pfarrhaus umzubauen und damit eine neue Heimat, ein verläßliches Dach über dem Kopf, nicht nur für die Evangelischen, zu schaffen? Stimmt es nicht, daß dieser von Gemeindemitgliedern gewollte Neuanfang dann von Kirchen“oberen“ verordnet, sozusagen wiederum in Übergehung der Gemeinde, „in die Tonne getreten“ wurde?
Ein Christ jedoch lebt Gemeinschaft, indem er jeden Menschen „als wirkliche Schwester bzw. wirklichen Bruder zu sehen und zu behandeln“ versucht. Gerade in einem mittlerweile sozial so heterogenen Stadtteil wie Alkenrath müßte jede Möglichkeit genutzt werden, unser aller Bewußtsein dafür zu schärfen, im Kleinen eine gerechte Gesellschaft und einen gefestigten, dauerhaften (sozialen) Frieden aufzubauen.
Warum nicht auf die Bürger Alkenraths zugehen und zum Beispiel genossenschaftlich ein solches Zentrum, ganz gleich ob klein oder groß, bewirtschaften? Erfolgreiche Vorbilder etwa für Baugenossenschaften gibt es genug. Auch wenn der Kirchturm marode zu sein scheint, könnte für die Glocken ein anderer würdiger Platz auf dem Gelände gefunden werden. Papst Benedikt war sich der fundamentalen Bedeutung des Genossenschaftswesens bewußt: „Die Genossenschaft in ihrer tiefsten Bedeutung verweist auf den Anspruch der Person, sich mit anderen zusammenzutun, um gemeinsam mit ihnen neue Ziele im ¬sozia¬len, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Bereich zu erreichen.“ Warum nicht voneinander lernen? Wir sollten auch lernen, in Funktionsträgern eher rechenschaftspflichtige Beauftragte zu sehen.
Der Niedergang des Stadteils wurde durch die von der Politik zu verantwortende unselige Privatisierung von nach gemeinnützigen Gesichtspunkten finanziertem Wohnraum zwecks weiterer Renditegewinnung mit eingeläutet. Nun also sind die Glocken zur weiteren Verwertung wohl auch in der wohlhabenden Waldsiedlung, wie bitter bemerkt wird,  an der Reihe. Die Glocken der evangelischen Kirche in Alkenrath wurden seinerzeit durch Spenden finanziert – nun wird nach oben umverteilt? Wird Alkenrath jetzt endgültig abgehängt? Und welche Gemeinde ist morgen an der Reihe? Haben, wie zu hören ist, seit der Schließung des Gemeindezentrums – verständlicherweise - evangelische Gemeindemitglieder das Weite gesucht, so wird vor allem ohne eigenem Raum für Kinder- und Jugendarbeit nun mit dem endgültigen Schweigen der Glocken ein weiterer Schritt zum Niedergang des Gemeindelebens erreicht.
Statt ökonomistisch, also „effizienzbasiert“ in schlußendlich zum Scheitern verurteilten Verkaufs-, Löcherstopf- oder anderen Umverteilungsstrategien befangen zu sein, wäre endlich ein offener und ehrlicher Dialog in den Gemeinden angezeigt. Mehr Mut auch zur innerkirchlichen Demokratie und damit eine Erhöhung der Chance, nachhaltig die Menschen wieder zu gewinnen!

Die angesprochene Problematik ist von daher keine Frage der Konfession – der zu beobachtende stückweise Rückzug auch der Kirche aus der sozialen Verantwortung könnte den Zerfall des Gemeinwesens Alkenrath weiter beschleunigen. Wollen Sie das?
Wie weit wird die stückweise Enteigung der Alkenrather noch gehen? Jedoch: Wir Bürger können uns das Gemeindeleben im weitesten Sinne zurückerobern und mitgestalten - auch für die wachsende Zahl orientierungsloser Kinder und Jugendlichen. Wenn wir das wollen.