Mittelalter im Film

Mittelalter! Bilder und Gegenbilder

Eine gemeinsame Veranstaltung von „Effeltricher Linden-Kino“ und „Lamm-Lichtspiele“ Erlangen (Mittelfranken), unterstützt durch den Verein „Das Lamm muß laufen“ eV. sowie den Kreisheimatpfleger für Geschichte und Volkskunde des Landkreises Forchheim, den Historiker Dr. Andreas Weber. Weitere Unterstützende waren die Historiker Dr. Nikolas Jaspert und Dr. Matthias Maser, beide ebenfalls Uni Erlangen, sowie Wolfram Unger (Vorsitzender des Fördervereins Geschichtswissenschaft an der Uni Erlangen e.V. und des Fränkischen Albvereins e.V.).
Wird das Mittelalter benutzt, um uns eine heutige Botschaft zu bringen?
Das Mittelalter boomt und Filme zum Thema haben geradezu Konjunktur. Die Filmreihe „Schauplatz Mittelalter“, gemeinsam von den Lamm-Lichtspielen Erlangen und dem Effeltricher Linden-Kino veranstaltet, untersuchte Meilensteine der Filmgeschichte wie „Robin Hood“, Eisensteins „Alexander Newski“ aber auch „Der Name der Rose“. Begleitet von Historikern der Uni Erlangen gelang es darzustellen, inwieweit diese Filme stets auch Ausdruck der politischen Geschichte sind und ihnen damals wie heute eine Funktion von versteckter bis offener Propaganda zukommen kann.
Der Stummfilm „La Passion de Jeanne d’Arc“ aus dem Jahr 1927 rekonstruiert die Ereignisse rund um den Prozeß der Pariser Universität gegen die Jungfrau von Orleans anhand der historischen Prozeßakten. Die der Ketzerei beschuldigte Heilige wird nach quälenden Verhören, Folter und einem widerrufenen Geständnis schließlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Das Drehbuch und die Zwischentitel stützen sich dabei vor allem auf die Prozeßakten und lassen so ein psychologisches Kammerspiel von großer Dichte entstehen. „Was zählte, war den Zuschauer in der Vergangenheit aufgehen zu lassen; die Mittel dazu waren mannigfaltig und neu. So wurde die sorgfältige Durchsicht der Dokumente aus dem Rehabilitierungsprozeß notwendig. Die Kleidung der Zeit und Ähnliches habe ich nicht recherchiert. Das Jahr der Ereignisse schien mir ebenso unbedeutend wie sein zeitlicher Abstand zur Gegenwart. Ich wollte eine Hymne an den Triumph der Seele über das Leben komponieren. Was dem möglicherweise tief bewegten Zuschauer aus den eigentümlichen Großaufnahmen entgegenströmt, wurde nicht zufällig ausgewählt. All diese Bilder drücken den Charakter der gezeigten Person und den Geist dieser Zeit aus. Um die Wahrheit zu vermitteln, verzichtete ich auf jede Form von ‚Verschönerung’. Meine Darsteller durften weder Schminke noch Puderquaste anrühren.“ Der Regisseur Dreyer, ein Protestant und noch dazu Däne, stieß in Frankreich auf breiten Protest, hatte er als „Ausländer“ doch das Leben einer Nationalheldin kurz nach deren Heiligsprechung verfilmt!
Der Film ist kein Historiengemälde, keine Chronik der Ereignisse, kein Passionsspiel, sondern die distanzierte Beschreibung eines Glaubenskampfes, bei dem Blicke, Gesten und Körperhaltungen die innere Anspannung aller Beteiligten ausdrücken.
Filmhistorisch gesehen waren die Montagetechnik und die damit verbundene szenische Auflösung revolutionär. Hierdurch drückt sich der „Nahkampf“ zwischen den kirchlichen Inquisitoren und Jeanne, ihre Verzweiflung und ihr Schmerz in einer dichten Abfolge von Großaufnahmen der Gesichter aus. Auch Sergej Eisenstein benutzte die Technik schneller Schnitte und harter Montage, um sein „Menschenmaterial“ zum Leitbild der kampfbereiten sozialistischen Massen gleichsam zum mechanischen Ablauf werden zu lassen: Unterdrückung, Solidarität, Revolte, Gewalt und Gegengewalt. Die Inszenierung des Films „Alexander Newski“ 1938 sollte den Sieg der Russen über die deutschen Ordensritter glorifizieren und war deutlich gegen das aufrüstende Deutschland gerichtet.
Mit kaum übersehbarer Symbolik werden die Ritter des Deutschen Ordens als Ebenbilder der Nationalsozialisten gezeichnet, während die russischen Bauern des Mittelalters zu Vorläufern der sowjetischen Kolchosenarbeiter stilisiert werden. In eigentümlicher Mischung ist sowohl Alexander Newski als „Führergestalt“ der Held des Filmes als auch Rußland selbst, die russische Erde, die alle Angreifer zurückschlägt. Es verwundert nicht, daß der Film aufgrund des deutsch-sowjetischen Geheimvertrags anfangs nicht in die Kinos kam, sondern erst nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion Wirksamkeit entfaltete.
Im 1938 entstandenen Filmepos „Robin Hood“ ermöglichte die Einführung des gedruckten Technicolorfilms einen wahren Rausch an farbenprächtigen Kostümen. Gekämpft wird in den sonnendurchfluteten Baumbeständen Kaliforniens und die Filmmusik Korngolds ist geprägt von dessen klassischen Wurzeln mit einem Schuß Wiener Walzer. Manche Action-Szene wirkt hierdurch quasi unterhaltsam „gesoftet“.
Dokumentarisch konnte bis heute nicht nachgewiesen werden, daß Robin Hood als historische Figur wirklich existierte. Lediglich in zahllosen Balladen wurde er über die Jahrhunderte zum Sozialrebellen stilisiert. Weder gab es ein militärischpolitisches Szenario mit Richard Löwenherz am Ende des 12. Jahrhunderts noch ist die adelige Herkunft Robin Hoods nachzuweisen. Auch seine Rolle als patriotischer Widerstandskämpfer ist lediglich eine Legende, die durch den Roman „Ivanhoe“ und zahllose Heftromane des 19. Jahrhunderts Verbreitung fand. Die Filmfassung griff die seit Ivanhoe tradierte Feindseligkeit zwischen Normann und Angelsachsen auf. Wenn Richard Löwenherz gegen Ende des Films zum Ausdruck bringt, er kenne weder Angelsachsen noch Normannen sondern nur noch Engländer, und Robin Hood sich für eine breite Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums engagiert, so entspricht das dem politisch korrekten Zeitgeist. Tragen die brutalen normanischen Offiziere und Soldaten eindeutig faschistische Züge, so führt Robin als listenreicher und entschlossener Widerstandkämpfer einen Feldzug gegen ein (braunes?) Regime. Ist es zudem Zufall, daß Präsident Roosevelt mit seinem wirtschaftlichen und sozialen Reformprogramm, dem New Deal, einen Wahlkampf führte, der vom seinem engen Freund und Filmproduzenten Warner unterstützt wurde?
Bergmanns „Das siebente Siegel“ spielt in der Zeit von Kreuzzügen und Pest, die seinerzeit ganze Landstriche entvölkerte. Begleitet vom leibhaftig auftretenden Tod soll die Beklommenheit eines Menschen im Angesicht seines angekündigten Todes, der gefangen ist in seinen Zweifeln an Gott, auf die Gefährdung der ganzen Menschheit durch die Atombombe verweisen. Der Film zeichnet dazu eine allgegenwärtige Bedrohtheit des Menschen wie auf einem mittelalterlichen Kirchenbild, das Umkehr und Buße fordert und dabei von Hoffnungslosigkeit und einer zutiefst pessimistischen Grundstimmung geprägt ist. Die filmische Umsetzung kann auch als Ausdruck von Bergmanns in der Kindheit erlebten Atmosphäre strengster protestantischer Religiosität angesehen werden. Der Film reiht sich ein in Bergmanns Filmschaffen, das von Düsternis durchzogen ist, deprimierende Fallgeschichten mit scheinbar ausweglosen Verstrickungen enthält und manchmal nur schlaglichtartig mit einen Funken Hoffnung versehen ist.
Die Verfilmung von Ludwig Ganghofers Roman „Die Trutze auf Trutzberg“ als naturverbundenem Heimatfilm stellt den Ablauf einer mittelalterlichen Fehde genau dar, die sich an einem Streit um Herrschaftsrechte - hier dem Jagdrecht - entzündet. Der Jagdfrevel und ein Totschlag stören den Rechtsfrieden, der im geregelten Kampf wieder hergestellt werden soll. Herzöge und Könige versuchten seinerzeit, das Fehdewesen zugunsten der Anerkennung der Reichsgerichte zu verdrängen. Im Film werden neben dem Recht des Herzogs zu richten auch die Ritterideale thematisiert (Treue zu Freunden, dem Landesherrn). Die Ritterbünde werden dabei allerdings ins Lächerliche gezogen im Sinne einer Saufkumpanei. Die Ehe wird einerseits als Vernunftehe dargestellt, die eingegangen wird bzw. werden muß, um Bündnisse zu schließen. Dem Herzog obliegt es, wie es die Filmhandlung will, als gütiger Herrscher zu ordnen und Möglichkeiten zu schaffen. Der Herzog selbst war seinerzeit aus dem System ausgebrochen und heiratete heimlich die Baderstochter Agnes Bernauer. Sein Vater sah die Rechtmäßigkeit der Nachfolge gefährdet und ließ sie als Hexe in der Donau ertränken. Nun will er den Weg des Burgfräuleins zu ihrem geliebten Schäfer ebnen, womit demonstriert werden soll, daß das Mittelalter auch gute Seiten hatte.
Das in den historischen Darstellungen wesentlich differenziertere Buch Ganghofers ist Teil einer geschichtlichen Aufarbeitung von 500 Jahren bayerischer Geschichte speziell des Berchtesgardener Landes, dem er sich immer verbunden fühlte. Der 1967 verstorbene Peter Ostermayr, Rechteinhaber an Ganghofers Romanen und Begründer der Münchner Filmstudios in Geiselgasteig schrieb das Buch für den 1958 gedrehten Film „Der Schäfer vom Trutzberg“. Ganghofers kulturelle Leistung reicht vom Entwurf einer Sozialstaatsutopie mit Schulgeldfreiheit und Kindererholungsheimen über die Problematisierung der Notwendigkeit von Kriegen (1870/71 Deutschfranzösischer Krieg!) hin zur genauen Beschreibung der Sorgen und Nöte der ländlichen Bevölkerung. Sein Eintreten für nachhaltige Bewirtschaftung und Schutz des Natur (auch als Lernraum für die kindliche Entwicklung) in seinen Heimatromanen. Nicht vergessen werden soll seine Arbeit als Dramaturg in Wien sowie seine politische Zusammenarbeit mit Heinrich Mann.
Die Thematisierung von Heiratssitten und der Erbfolge war bis in die 50er Jahre im ländlichen Raum noch durchaus aktuell, zumal erst Ende der 50 Jahre rechtlich die volle Geschäftsfähigkeit der verheirateten Frau aber auch die Gleichstellung ehelicher und unehelicher Kinder vollzogen wurde.
Nimmt man die positive Botschaft zuerst, so thematisiert Annauds Film „Der Name der Rose“ zum einen die Bedeutung des erwachsenen Vorbildes für die emotionale und geistige Entwicklung des jungen Menschen. Bereits der griechische Philosoph Aristoteles beschrieb den Menschen als vernunftbegabtes Wesen, das prinzipiell der Belehrung zugänglich ist. Durch Gewöhnung und Übung werden Tugenden wie Freundlichkeit, Großzügigkeit und Besonnenheit erworben.
 Der Freiheit der menschlichen Vernunft stand die mittelalterliche Kirche bekanntlich kritisch gegenüber. Sie sah im Umbruch des Weltbildes, in einer Hinwendung zur diesseitigen Wirklichkeit, einer nicht mehr durch die Kirche zensierten Wahrheitssuche, eine Bedrohung der Religion und ihrer Macht und verbot daher beispielweise die Lektüre der Schriften des Aristoteles.
Überlegungen über die Achtung vor dem Andersdenkenden und das redliche Ringen um Gewißheit verweisen auf den Gedanken der universellen Toleranz. Mit diesen Gedanken wurde die Emanzipation der weltlichen Wissenschaften aus der theologischen Bevormundung angebahnt: Die Auseinandersetzungen mit anderen Lehrmeinungen auf sachlicher Ebene im Dialog muß möglich sein! Insofern spricht der Film auch die Auseinandersetzung zwischen der blutigen Verfolgung von „Ketzern“ und der prinzipiellen Freiheit des Menschen in Eigenverantwortung an. Diese persönliche Freiheit des Einzelnen verweist schon auf einen wesentlichen Grundsatz unserer heutigen demokratischen Rechtsordnung.
Hingegen hört man gegenwärtig Stimmen, daß Zuschauer tradierte Werte wie Treue, Freundschaft, Ehrlichkeit in eher actionlastigen, um nicht zu sagen ideologisch aufgeladenen „Mittelalter“Filmen suchen und finden müßten, weil die gesellschaftliche Realität für den Einzelnen keinen inneren Halt bzw. Orientierung mehr zu bieten habe. Die angeblich neue Orientierung in einer dreckigen, düsteren, gewalttätigen und menschenfeindlichen Welt ist allerdings in ein Geflecht aus Machtgelüsten, Todfeindschaft, Vergeltung, und brutalem Gemetzel eingebettet, die Notgemeinschaften im Grauenhaften entstehen lassen. Diese vorgeblichen Hoffnungsschimmer lassen ihrerseits wiederum den Kampf als unvermeidbar erscheinen, propagieren ihn gar als „friedensstiftend“. Folgt man hingegen der unserem Grundgesetz zugrundeliegenden Auffassung vom personalen Menschenbild, so kann eine gerechte Ordnung nur auf einer Grundlage von Rechtsgleichheit und –sicherheit aller in Freundschaft entstehen, d.h. einem wechselseitigen Wohlwollen zwischen Menschen. Demokratie muß von für das Gemeinwohl engagierten Menschen getragen werden, so sie bestehen will.
Ein wichtiges Ergebnis dieser Filmreihe ist, daß keiner der gezeigten Filme das wirkliche Mittelalter darstellt. Wie der Film „Robin Hood“ beispielhaft zeigte, wurden historische Zusammenhänge willkürlich zusammengefügt, Selbstjustiz und der gerechte Krieg propagiert. Treue und Freundschaft bedeuten hier Vasallentum, unbedingter Gehorsam in den „gerechten“ Führer, bedingungslose Hingabe unter Aufgabe aller persönlichen Strebungen, Kampfbereitschaft.
Hier wird der Zuschauer zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie gefordert, denn die angeblichen Tugenden des Mittelalters lassen sich mitnichten als Orientierungsmuster auf die Probleme der Welt von heute übertragen. Gewaltbereitschaft, Willkür und Machtmißbrauch werden jedoch erneut zu einem Weltbrand führen, wenn die Lehren aus der Geschichte nicht vermittelt und die nachfolgende Generation nicht in friedliche Konfliktlösung durch Verhandlungen geübt wird. Es war ein schönes Erlebnis für alle, wie Teilnehmer unserer Volkshochschule im Kinosaal ihre persönlichen Erlebnisse aus totalitären Regimes einbrachten, ihre persönliche Wahrnehmung der in den Filmen gezeigten geschichtlichen Zusammenhänge zur Diskussion stellten und im offenen Dialog mit den fachwissenschaftlichen Ergebnissen aus Geschichte und Pädagogik konfrontierten.
Wenn William von Baskerville im Buch von Umberto Eco am Schluß behauptet: „Vielleicht gibt es am Ende nur eins zu tun, ... die Wahrheit zum Lachen bringen, denn die einzige Wahrheit heißt: lernen, sich von der krankhaften Leidenschaft für die Wahrheit zu befreien. (S. 624). (...) Ich bin wie ein Besessener hinter einem Anschein von Ordnung hergelaufen, während ich doch hätte wissen müssen, daß es in der Welt keine Ordnung gibt (S. 625), so muß man dazu wissen, welche Zielsetzungen Eco mit seinem Roman verfolgt. Der Historiker Jaspert faßte aus einem Interview mit Eco zusammen, daß es diesem auch um die Spiegelung des Problems einer zersplitterten italienischen Linken ging. Hinzuzufügen ist, daß Eco als Vertreter der sogenannten „Postmoderne“ gilt, die die Existenz und Gültigkeit allgemeiner, über den Einzelnen und den Moment hinausweisender Erkenntnisse und Werte entweder leugnen oder zur Ursache für gegenwärtige Ungemach verdrehen. So gilt diversen Vertretern beispielsweise die Suche nach Wahrheit und gesicherter Erkenntnis als verdächtig und Ursache von Gewalt.
Es scheinen also jene Kritiker recht zu haben, die bei einer Reihe von sog Mittelalterepen auch von einem „System der Ideologieverbreitung“ sprechen. Fazit ist jedoch auch, daß das Mittelalter in der Tat nicht nur aus einer Abfolge von kriegerischen Taten finsterer Gestalten bestand, sondern auch für die Ausbildung geregelter Formen menschlichen Zusammenlebens steht. Indem jedoch in manchen Filmen der Anschein von Authentizität in elementaren Bedrohungsszenarien vor allem durch die Darstellung von Gewalt und religiösem Fanatismus erweckt wird, die der Zuschauer anscheinend als „typisch mittelalterlich“ wahrnehmen soll, kann auch eine kaum bemerkte innere Gewöhnung an Krieg, Not und Elend erfolgen. Nur ein offener und ehrlicher Umgang sowohl mit der Geschichte als auch mit ihrer Instrumentalisierung kann heute, über 50 Jahre nach der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, dazu beitragen, aus der Vergangenheit sowohl für die Gegenwart als auch für die Zukunft zu lernen und zu tragfähigen Konzepten für die Gestaltung des eigenen Lebens in sozialer Verantwortung in dieser Einen Welt zu gelangen. Es gibt Grundwerte des Menschseins, die universell sind. Die Menschheit hat sich in einem langen dornenvollem Weg wertvolle allgemeingültige Prinzipien erarbeitet, wie Achtung vor der Würde der Person, Toleranz, Verbindlichkeit und Ehrlichkeit.
Textvorlage: Dr. Nikolas Jaspert, Erlangen 2004